Stunde 5

Eine kurze Wiederholung zur letzten Stunde und dann geht’s weiter zur Spielfigur des Springers. Nicht alle Klassen werden mit derselben Reihenfolge unterrichtet. Bei einigen muss ich den Springer am Ende behandeln, bei anderen in der sechsten Stunde. Der Einfachheit halber behalte ich hier diese Reihenfolge bei, auch wenn ich sie nicht überall beibehalten kann. Jeder sollte für sich und die Klasse entscheiden, was wann behandelt werden sollte.

In einigen Klassen befindet sich ein Fußboden mit Schachmuster, das gibt mir Gelegenheit zu einer zusätzlichen Strategie beim Lehren.

Die benutzten Vorlagen

Ich beginne mit einer Vorlage (Bild 1), welche ein „L“ mit dem Springerzug aufweist. Einige Kinder wissen zwar schon, dass ein Springer wie ein „L“ zieht, deshalb beginne ich mit dieser Vorlage. Ich erkläre, dass ein Springer zwei Felder in eine Richtung überspringt, um auf einem dritten Feld zu landen. Ein Springer kann in alle vier Richtungen springen aber nicht diagonal.

Es ist einfacher für die Kinder eine geradlinige Abfolge zur Berechnung der Felder worauf der Springer springen kann, zu verstehen. Nachdem wir alle möglichen Richtungen und Spieglungen dieses „ Springer-l‘s“ behandelt haben, lasse ich, in Klassen mit Schachmuster Fußboden, die Kinder zu mir kommen und sich vor mir aufstellen. Es passiert manchmal auch, dass sie sich alle so aufstellen, dass sie mir den Rücken zuwenden, aber das lässt sich schnell ändern. Nachdem zeige ich wie man die Springerbewegung berechnet und mache das einige Male vor. Danach sind die Kinder an der Reihe mit Springerzügen von einer Seite der Klasse zur anderen und zurück zu springen. Das klappt ganz gut in Klassen mit einem guten Aufmerksamkeitsniveau und wenn die Anzahl der Kinder nicht zu groß ist.

Bei wenig Aufmerksamkeit ist der Erfolg dieser Strategie viel geringer, es überwiegen die Nachteile. Zu viele Kinder sind abgelenkt und veranstalten alles Mögliche, was wiederum den Ablauf bedeutsam stört. Am Ende dürfen die Kinder auf ihre Plätze zurückspringen.

Es dauert eine Weile bis alle auf ihrem Platz sind, da einige einen größeren Umweg finden. Ich teile dann die Paare ein, sie sollen nebeneinander sitzen bleiben, das Schachbrett und die Figuren holen, das Schachbrett so aufstellen, dass die erste Reihe auf ihrer Seite liegt und die Figuren außerhalb des Schachbretts aufstellen. Es gib Schwierigkeiten mit den Begriffen „Nebeneinander oder Gegenüber“ und zwischen Steine außerhalb des Schachbretts aufstellen und auf dem Schachbrett.  Hier verliert man mehr oder weniger Zeit, je nachdem wie die reale  Aufmerksamkeit der Klasse ist.

Wenn alle bereit sind stellen wir einen Springer zentral auf das Schachbrett, dann lasse ich zwei weiße Bauern dorthin stellen, wo der Springer in der Luft ist, bzw. springt, und zwei Schwarze wo er landet. Ziel der Übung ist es die Stellung in Bild 3 zu erreichen. Auch wenn die Übungen am Boden reibungslos vonstatten gingen, fast alle hatten überhaupt keine Schwierigkeiten, ist letztere Übung, um einiges schwieriger, da sie eine neue Dimension bedeutet.  Von Bewegung mit dem Körper am Boden zur Bewegung am Schachbrett.

Die erste Phase der Übung bestand darin, die weißen Bauern in Richtung erster Reihe aufzustellen, das heißt der Springer zieht, aus dem Blickpunkt der Kinder, nach Unten. Zusätzlich kommt hinzu, dass viele Kinder die Hände nicht kontrollieren können und dauernd die Steine am Brett bewegen. Irgendwann muss ich sie auffordern die Hände hinter ihren Rücken zu halten und die Steine, die wir bereits gelegt haben nicht mehr zu berühren. Bei manchen hilft das auch nichts und so bleibt mir nichts anderes übrig als die Kinder zu Bitten sich einen Meter vom Tisch zu entfernen, mit dem Nachteil, dass diese Kinder dann auch nicht mehr rankommen, sobald sie neue Steine legen müssen.

Als nächstes springt der Springer in Richtung h-Linie und wir stellen zwei weiße Bauern dahin, wo der Springer in der Luft ist und zwei Schwarze, wo er landet und auch schlagen kann. Einige vervollständigen selbständig die Stellung andere bedürfen einer Aufforderung, um das Muster, die Stellung zu vervollständigen, zu finden. Wir haben jetzt die Stellung in Bild 3 erreicht, nun wiederhole ich, dass der Springer mit jedem Zug die Feldfarbe wechseln muss, und lasse die weißen Bauern, welche auf weißen (in diesem Fall steht der Springer auf d5 ein weißes Feld) Feldern stehen, entfernen. Auch hier gibt es einige Kinder, die nicht, oder sehr schlecht zuhören können, die alle weißen Bauern entfernen wollen, oder einfach nur irgendeinen entfernen. Je nach Aufmerksamkeitsgrad der Klasse gibt es  Kinder, welche einer individuellen Aufforderung bedürfen, um überhaupt etwas zu tun.

Nachdem wir die Stellung in Bild 3 erreicht haben gebe ich die Anweisung ,alle weißen Bauern, welche auf weiße Felder stehen zu entfernen. Auch hier zeigt sich die Aufmerksamkeit der Klasse, es gibt noch genügend Kinder welche allle weißen Bauern entfernen und einige die alle Steine entfernen.Schließlich erreichen wir Bild 4 und ich nutze die Gelegenheit die offizielle Zug Regel des Springers zu äußern: „Der Springer springt auf jedes zweit nächste Feld entgegengesetzter Farbe!“.  Danach öffne ich die Arme und Frage mit etwas Nachdruck und kurzen Pausen zwischen den Wörtern: „ Habt ihr das Alle verstanden?!“ Es ertönt eine typische Gruppenantwort: „Jaaaa!“ Keiner traut sich zu sagen er hat gar nichts verstanden. Die Lehrerin schmunzelt und mir ist durchaus bewusst, dass womöglich keiner irgendetwas verstanden hat. Deshalb erkläre ich es langsamer und zeige, dass die den Springer angrenzenden (ich benutze das Wort berühren) schwarzen Felder für den Springer nicht erreichbar sind, sonder, dass er hier darüber springt und gleichzeitig wiederhole ich, dass der Springer im Sprung nichts schlagen kann, sondern nur, wo er landet. Der Springer landet auf allen schwarzen Felder, welche an diese Felder (Bild 4) angrenzen (berühren). Ich fordere die Kinder auf, das zu kontrollieren, ich könnte ja etwas vergessen haben, so wird die Kontrolle etwas schärfer. Nach der Kontrolle lasse ich die restlichen weißen Bauern entfernen und wir kommen zum Springerrad (Bild 5 und 5a). Der Springer bildet die Achse und die Bauern, welche der Springer in einem Zug schlagen kann bilden das Rad. Bild 5a und 6 heften an der Tafel.  Ich benutze das Demobrett nicht, weil ich unmittelbarer meine Lehrstrategie und der bessere oder mindere Erfolg derselben individuell kontrollieren kann. Weiteres entspricht diese Strategie mehr den Eigenschaften der Kinder, in erster Linie das direkte berühren und handhaben.

Einige Kinder erinnern sich noch an die roten und grünen Felder und was sie bedeuten aber für die Meisten sind eine Wiederholung und ein paar Übungen dazu nötig. Für die Bauern in Bild 5 sind die Felder worauf sie stehen Rot und das bedeutet Gefahr, es kann geschlagen werden! Würden die Bauern eine weiße Farbe haben, wären die Felder Grün, hier ist man geschützt. Im Laufe der Jahre habe ich bemerkt, dass sich diese Farbstrategien leicht fördernd auf die vorsichtige Handhabung des Schlagens auswirkt. Sie kontrollieren etwas mehr wo sie hinziehen oder schlagen.  Bis alle dieses Farbsystem begriffen haben ist der letzte Stein bereits behandelt worden. Eventuell habe ich, wenn nötig, auch noch Arbeitsblätter, wo man die kontrollierten Felder einer Figur in Rot und Grün färbt.

Als letztes diktiere ich noch die Stellung in Bild 7 und auch hier lasse ich die schnelleren Kinder die Stellung vervollständigen. Danach versuche ich die Regeln zu erklären, wie man dieses Minispiel spielt. Es ziehen nur die Springer, ansonsten ziehen einige den Springer nicht, und es gewinnt derjenige welcher alle Bauern des Gegners geschlagen hat, oder auch derjenige welcher, beide Springer des Gegners geschlagen hat. Die Bauern dürfen hier nicht ziehen. Diese Anweisungen werden von den wenigsten registriert, es wird einfach drauflos gespielt und die meisten stellen Fragen über die Regeln des Minispiels, welche sie einfach nicht gehört hatten.

Auch die Übertragung des Gelernten im Spiel erweist sich als eine neue Dimension und die Züge des Springers sind der Kreativität der Kinder ausgeliefert. Bei grenzenloser Kreativität mische ich mich ein, erinnere aber den Gegenspieler daran, dass jeder für sich ein Schiedsrichter ist und auf die Züge des Gegners achten sollte. Sollte, nicht muss!

Für diese Lektion benötige ich je nach Klasse zwischen 40 und 60 Minuten. Die Spielzeit, die manchmal noch bleibt beträgt zwischen 10 und 25 Minuten.

Stunde 4

10 Minuten Wiederholung der letzten Stunde, danach behandeln wir den Wert der Figuren und deren Symbole im Arbeitsheft.

Zuerst lernen wir, wie die Figuren abgekürzt werden und welche Symbole zu den jeweiligen Figuren gehören und anschließend schauen wir uns den dazugehörigen Tauschwert an.  Auch wenn der König, die wichtigste Figur im Spiel ist, hat er keinen Tauschwert, da er nicht geschlagen werden kann. Der Bauer dient als Bewertungsgrundlage mit einem Punkt, der Springer und der Läufer mit drei Punkten, der Turm mit fünf und die stärkste Figur die Dame mit neun Punkten. Gleichzeitig schreibe ich alles an die Tafel und die Kinder haben im Arbeitsbuch eine vollständige Tabelle mit dem behandelten Stoff. Bei der nächsten Übung können die Kinder immer in dieser Tabelle überprüfen, wenn sie sich nicht an den Stoff erinnern. Ich schlage noch ein paar Übungen zur Berechnung an der Tafel auf. Ein typischer Fehler, welcher am Anfang noch gemacht wird, wenn ich frage wer mehr Punkte geschlagen hat, ist den Wert mit der Anzahl der Steine zu verwechseln. Zum Beispiel sind zwei Bauern und ein Springer mehr Wert als ein Turm und ein Bauer. Es wird einfach nur die Menge der geschlagenen Steine gezählt. Nachdem gehen wir zur Übung fünf über.

Bei einigen Klassen muss ich dieses Thema verschieben, da sie noch zu wenig Spielgelegenheit hatten und es erscheint mir besser sie noch ein wenig spielen zu lassen, bevor wir den Wert der Steine behandeln.

Ich erkläre zuerst was die einzelnen Spalten zu bedeuten haben und anschließend lösen wir die ersten Zeilen gemeinsam. Bei kleineren Klassen kommen alle dran, bei größeren schaffe ich das nicht und lasse sie dann alleine den Rest lösen. Ich nütze die Gelegenheit  die Kinder zu betreuen welche offensichtlich entweder Schwierigkeiten haben, bisher noch nicht zugehört haben oder einfach noch nicht wissen was von ihnen erwartet wird.

Die Voraussetzungen der verschiedenen Klassen sind unterschiedlich. Einige haben bereits das einmal eins angefangen andere noch nicht. Einige haben bereits etwas Kopfrechnen geübt andere nicht und wieder andere  zählen mithilfe der Finger. Einige haben sprachliche Barrieren und verstehen mich nicht, aber bei der individuellen Betreuung bekomme ich das ganz gut hin. Ich benötige dazu die ganze Stunde und es bleiben immer noch einige übrig die nicht fertig werden. Das macht nichts, die Kinder mögen es gern wenn sie bei einer späteren Gelegenheit die vergangenen Übungen fertig stellen können.

Im Schulschach wäre diese Lektion nicht unbedingt notwendig, aber eine Verknüpfung von Schach mit Mathematik gibt dem Schach einen höheren Stellenwert für die begleitenden Lehrer. Den Lehrern gefällt das. Ich halte zwar nicht sehr viel von Verknüpfungen zwischen Schachspiel und anderen Fächern, da ich das Schachspiel damit abwerte. Ich glaube das Schachspiel beinhaltet schon alles und eine Verknüpfung mit Fächern ist so, als ob ich ein Ganzes auf einen Teil reduzieren würde. Ich betrachte diese Lektion einfach als „Intermezzo“, als Auflockerung sozusagen.

Schwierigkeiten beim lösen der Aufgabe sind: Die Steine werden zusammengezählt anstatt den Wert der Steine zusammen zu zählen. Einige schreiben irgendwelche Zahlen, welche weder der Anzahl der Steine noch den Wert der Steine zuzuordnen sind. Viele verwechseln Weiß mit Schwarz wenn es darum geht zu definieren wer besser steht. Einige verwechseln die Steine da sie nicht nachsehen, wenn sie unsicher sind. Andere warten einfach nur bis die Stunde vorüber ist. Ich muss versuchen allen ein wenig unter die Arme zu greifen, damit alle wenigstens einen Teil behalten.

Bei einigen Klassen können einige auch noch etwas spielen, da sie die Übung relativ schnell erledigen.

Stunde 3

kcf_pedoneNach den üblichen Fragen über die letzte Stunde beginne ich mit der Schachgeschichte. Wir wollen heute den Bauern behandeln.

EineSchachgeschichteBauer

In einigen Klassen musste ich das Erzählen der Geschichte abbrechen, da kein großes Interesse bestand, der Großteil wandte sich ab,  viele Kinder verlieren sich und beschäftigen sich mit anderen Dingen.

Nachdem bilde ich Gruppen mit jeweils 2 Kindern, welche sich ein Schachbrett teilen und beide sitzen nebeneinander und nicht gegenüber, damit sie beide die gleiche Perspektive haben. Die Spielsteine werden neben dem Schachbrett aufgestellt und danach beginne ich mit den Erklärungen darüber, wie ein Bauer bewegt werden soll. Ich habe schon erwähnt, dass ich kein Demobrett benutze und warum.  Ohne Demobrett kann ich sofort und deutlich erkenne, wie die Klasse arbeiten kann. Ich merke wie hoch oder niedrig die Aufmerksamkeit der einzelnen Kinder ist, die Bereitschaft zuzuhören und ob sie Anweisungen befolgen können.  Dazu ist zu sagen, dass wenige Kinder diese Arbeitsweise gewohnt sind und anfängliche Schwierigkeiten normal sind.

Ich lasse einen weißen Bauer auf e2 stellen, erkläre, dass ein Bauer nur auf derselben Linie zieht, nutze die Gelegenheit zu prüfen, ob sie wissen was eine Linie ist, er kann nur geradeaus ziehen und niemals rückwärts. Der Bauer kann nur ein Feld vorwärts ziehen. Nun lasse ich die Kinder abwechselnd mit diesem Bauer ziehen. Bisher war ein Kind für die weißen Steine zuständig und eines für die schwarzen Steine. Ich sage zum Schüler welcher für die weißen Steine zuständig ist  er soll jetzt einen Zug mit dem Bauer ausführen, dies wird nicht unmittelbar wahrgenommen, so wiederhole ich die Anweisung und erkläre, dass das Kind den Bauer ein Feld vorrücken soll und das nennt man im Schach einen Zug machen. Nun klappt es, die Kinder führen den Zug aus. Jetzt soll der Partner einen Zug ausführen.  Diese Anweisung wird nicht ganz verstanden, einige Kinder nehmen einen schwarzen Bauer in die Hand und warten auf weitere Anweisungen. Ich erkläre, dass sie mit demselben Bauer ziehen sollen und es klappt jetzt. Ich wiederhole dies solange bis der Bauer auf die andere Seite kommt (e8) und erkläre die Umwandlung des Bauern. Danach lasse ich die Kinder einen weißen Bauer auf e4 stellen und einen Schwarzen auf e5. Trifft der Bauer auf ein Hindernis, so kann er nicht weiter, und wir nennen das „Der Bauer ist blockiert“ denn der Bauer kann nicht mehr bewegt werden. Jetzt erkläre ich, dass man den Bauer auf zwei Arten führen kann, eine wie er zieht und eine wie er schlägt. Um das zu demonstrieren lasse ich eine neue Stellung aufbauen mit weißen Bauern auf e4 und d4 und zwei Schwarze auf e5 und d5, nun sollen sie abwechselnd einen Bauer schlagen. Noch ein, zwei Beispiele und dann gebe ich Anweisung alle weißen Bauern in der zweiten Reihe aufzustellen und alle Schwarzen in der siebten Reihe. Bleibt noch der Doppelschritt des Bauern zu erklären, das En-Passant wird zu einem späteren Zeitpunkt behandelt. Danach soll mit den Bauern gespielt werden. Vorerst wird das Ziel des Spiels benannt, und zwar gewinnt der Erste, welcher einen Bauer auf die achte bzw. erste Reihe bringen kann.

Diese Klasse war eine überdurchschnittlich gute Klasse, was Aufmerksamkeit und Befolgung der Anweisungen anbelangt. Die zwei darauf folgenden Klassen waren genau das Gegenteil davon. Mit demselben Programm gab es fast kein Weiterkommen und am Schluss blieb fast keine Zeit mehr zum Spielen übrig. Es war notwendig jeder Zweiergruppe separat Anweisungen und Erklärungen zu geben. Bauern wurden willkürlich hin – und hergeschoben, alle fünf Minuten musste ich versuchen die Aufmerksamkeit der Kinder aufs Neue zu erlangen und die Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. In einer Klasse, wollte der Lehrer von Anbeginn klare Verhältnisse schaffen indem er bei geringen Verfehlungen die Kinder aus der Klasse nahm und in einem anderen Raum mit Aufgaben beschäftigte. Das war allerdings ein Nachteil, da gerade diese Kinder vom Schachspielen profitieren sollten. Weiteres war der Rest der Klasse „außer Kontrolle geraten“ und ich schaffte es nicht sie wieder zu beruhigen.

Auf Grund dieser Erfahrung habe ich das Programm in den nächsten Klasse vom Anfang an verändert. Die Kinder sollten nicht mehr nebeneinander sitzen, sondern gegenüber. Ich lasse einen weißen Bauer auf e2 stellen und einen Schwarzen auf c7. Erkläre dann die Züge des Bauern lasse sie dann abwechselnd ziehen, bis zur Umwandlung. Wir wiederholen dies ein paar Mal, danach lasse ich die Bauern auf derselben Linie aufstellen  um den Begriff „blockiert“ zu erklären. Danach lasse ich alle weißen Bauern auf der zweiten Reihe aufstellen und die Schwarzen auf der siebten Reihe. Ganz einwandfrei klappt das mit den Begriffen „ Reihen und Linien“ noch nicht, aber wir kriegen das bald hin. Ich erkläre noch den Doppelschritt und dann wird gespielt.  Diese Vorgehensweise erweist sich als besser und es kann mehr gespielt werden.

Mein erster Eindruck ist: Ich habe heuer, im Sinne von Aufmerksamkeit, Zuhören können und Anweisungen befolgen können, zwei überdurchschnittliche Klassen, 5 durchschnittliche Klassen und zwei unterdurchschnittliche Klassen zu betreuen.  Italienisch sprachige Klassen sind etwas lauter, weniger Aufmerksam und hören auch weniger zu. Ich benötige hier einiges mehr an Zeit und Anstrengung, um den gleichen Stoff zu behandeln, welcher noch dazu weniger aufgenommen wird. Dies kann immer noch zufällig sein, aber inzwischen hat sich diese Vermutung öfters bestätigt. Möglicherweise gibt es hier einfach einen anderen kulturellen Hintergrund zu den deutsch sprachigen Klassen. Am plausibelsten erscheint mir ein höherer Grad an Medialität der Kinder, ich meine hier, dass die Kinder mehr Stunden  mit Multimedia verbringen als deutsch sprachige Kinder in Südtirol und das ihr Umfeld einfach eine höhere Lautstärke hat. Es erscheint nicht ganz klar, welche Wechselwirkung lautere Kinder und lautere Lehrer, auf Aufmerksamkeit und Bereitschaft, zuzuhören haben, oder deren Auswirkung auf die  Lautstärke der Klassen. Sind die Kinder daran Schuld weil sie laut sind und der Lehrer „gezwungen“ ist laut zu sein oder umgekehrt? Ein zusätzlicher Faktor könnte auch die größere Anzahl an Kindern mit Migrationshintergrund  in den italienisch sprachigen Klassen sein.

Die Klassen welche in höherem Maße die Bereitschaft zum Zuhören geben sind auch angenehmer zu „handhaben“, es ist ruhiger und wirkt sich auch auf das Behalten des Gelernten aus, allerdings nicht in dem Maße, wie zu erwarten wäre. Ich vermute manchmal, wie schon im Artikel über Gruppendynamik erwähnt, dass die Aufmerksamkeit da zu sein scheint, aber nicht unbedingt immer anwesend ist. Es ist zwar ruhiger und es bleibt möglicherweise mehr vom Stoff hängen, andererseits ist bis zur nächsten Stunde eine Woche vergangen und vieles kann und wird auch wieder vergessen werden.

Über Mich

Eine lange Geschichte

Ich begann in den 80ern Schach zu unterrichten, mit der Überzeugung, die Themen zu behandeln welche mir gefallen. Zur damaligen Zeit gab es noch nicht viele Unterlagen an welchen ich mich orientieren wollte. Dieser Ansatz stellte sich als großer Fehler heraus und ich verlor die gesamte Gruppe. Mit der Zeit und etwas Erfahrung bin ich zur Überzeugung gekommen, dass die Themen oder Methoden welche uns gefallen oft den Kindern nicht gefallen oder ganz und gar nicht nützlich sind. Es ist nicht leicht diese Dinge zu erfahren, und noch schwerer sie zu akzeptieren,  da wir oft nur das sehen was wir sehen wollen……

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Stunde 2

gilgameshIn der Regel beginne ich die zweite Stunde mit Fragen über den Inhalt der ersten Stunde. Die Frage ,die ich stelle ist: an was sich die Kinder erinnern können und rufe sie teilweise einzeln auf, je nachdem ob viele oder wenige Wortmeldungen sind. Bei einer sehr unruhigen Klasse hatte die Lehrerin in der ersten Stunde 6 Kinder aus 20 von der Klasse entfernt, als Disziplinarstrafe, und erst später wieder hinzu gebracht. In dieser Klasse erinnerten sich keine Kinder an etwas über die erste Stunde, sie erinnerten sich an mich und das es etwas mit Schach zu tun hatte, sie hatten Schach gespielt. Dazu angesprochen erinnerten sie sich auch noch an eine kurze Geschichte, welche ich erzählt habe, aber das war auch schon alles.

Es ist interessant wie verschieden die Erinnerungen der Kinder sind, jeder hat sich einen bestimmten Teil der Geschichte zu eigen gemacht und selbst interpretiert. Einige haben die Erzählungen über das Schach, im Allgemeinen, in die Geschichte eingebaut oder auch eigens interpretiert. Wenige Kinder erinnern sich an Details über Linien, Reihen oder auch Feldnamen, viele sind sich einig ,dass wir Schach gespielt haben. Bis ich alle Kinder befragt habe, an was sie sich denn erinnern würden, verging gut eine viertel Stunde und abhängig von ihren Antworten widerhohle ich mehr oder weniger ausführlich: Feldnamen, Linien, Reihen und Diagonalen. Wo ich das Schachbuch noch nicht ausgeteilt habe erledige ich das jetzt und wir beginnen mit dem Buch zu arbeiten. In den vorigen vier bis fünf Jahren habe ich mir öfters überlegt und auch ausprobiert das Buch nicht zu verwenden, ob und wie sinnvoll das Arbeitsbuch überhaupt ist. Ich gebe nie Hausaufgaben und alle Diagramme und Übungen werden in der Klasse erledigt. Den Grund das Buch eventuell wegzulassen lieferten Kurse im außerschulischen Bereich wo ich zuerst alle Spielregeln erkläre und erst später das Buch mit Übungen zur Verfügung stelle. Es schien so, als ob diese Kinder die Übungen mit mehr Begeisterung lösten im Vergleich zu dieser Klasse, aber es zeigte sich dann bei anderen Kursen, dass das nicht immer so war. In der Schule ist es ähnlich abgelaufen, der Unterschied mit Buch oder ohne Buch wirkte sich auf die Einstellung und auf die Genauigkeit aus. Die Übungen sind zwar für mich interessant um das Verständnis, die Genauigkeit und die Arbeitsgeschwindigkeit zu überprüfen aber es ginge auch ohne. Irgendwie hatte ich  einfach das Gefühl, dass mit Buch alles etwas besser war. Die Einstellung zum Schach war etwas besser, das Verständnis auch leicht besser und auch die Geschwindigkeit war höher mit Buch. Es wäre durchaus Möglich, dass es für mich einfach leichter war mit dem Übungsbuch zu unterrichten.

Wir beginnen mit Übung 1, bearbeiten die ersten zwei Diagramme gemeinsam und danach können sie die restlichen Diagramme selbst weiter lösen.

Bei der Bearbeitung der Diagramme kontrollieren wir, der Lehrer und ich, ob die Anweisungen auch verstanden worden sind und geben Hilfestellungen, falls notwendig. Ich nutze diese Zeit, in der die Schüler beschäftigt sind, um herauszufinden wer konzentriert arbeitet, wer langsam oder schnell ist, wer keine Lust hat mitzuarbeiten. Es gibt auch Fälle von Schülern, die versuchen so wenig wie möglich aktiv zu sein und Zeit verstreichen zu lassen,  ich sage diesen dann nicht, dass sie etwas tun sollen. Ich versuche ihnen dann zu helfen, diese Hilfe beruht nicht auf dem  äußern der Lösung , sondern ich stelle gezielte Fragen, um sie hin zuführen. Ich merke schnell wer aus Lustlosigkeit Zeit verliert oder einfach nur gern hätte, dass ihm jemand die „Arbeit“ –da zu anstrengend – abnimmt. Ich möchte die Selbstkontrolle der Kinder steigern, damit sie später, wenn wir nach der Auflösung der Übungen spielen können keinen Nachteil im Bezug auf die Spielzeit bekommen.

Wenn die ersten Kinder diese Übung fertig haben, dürfen sie im Buch weiterblättern und versuchen selbständig die nächste Übung zu lösen. Manchmal finden sie selbst heraus, was zu tun ist manchmal muss ich die Anweisungen erklären. Die Meisten fragen, wie sie die Felder Markieren sollen und ich lasse sie vollkommen frei entscheiden. Bei einigen Klassen werden Farbstifte verwendet, andere ziehen es vor Kreuze, Kugeln oder einfach nur Striche zu malen.

Die Schnellsten Schüler im Lösen der Aufgaben, erreichen rasch Übung 3, und um sie etwas zu „bremsen“ sollen sie die Übung vollständig ausführen, und die Namen der Felder aufschreiben.

Für langsamer arbeitende Kinder genügt es hier einfach die Diagonalen einzuzeichnen. Diejenigen Kinder, welche diese Übungen nicht beenden, können sie zu einem späteren Zeitpunkt nachholen.

Manchmal bleibt noch Zeit, um abzustimmen, wie in den nächsten Stunden vorgegangen wird. „Wollen wir mit den schwierigen Steinen beginnen oder mit den Einfachen?“, lautet die Frage. Der Großteil entscheidet sich für die schwierigere Version zuerst. Sie wollen beweisen, dass sie gut genug sind Schwierigkeiten zu meistern. Die Art und Weise wie ich dann vorgehe ist so ausgelegt, dass die Praxis ihre Ansicht bestätigt. Ich nehme mir sehr viel Zeit diese Steine zu behandeln, stelle keine Anforderungen und lasse durchblicken, dass sie alle gut verstanden haben, wenn es dann so weit ist. Es kam noch nie vor,  dass eine Klasse den einfachen Weg aussuchte, sollte es aber der Fall sein werde ich eben den einfachen Weg einschlagen.

Stunde 1

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Ich betreue heuer neun zweite Klassen in der Grundschule, vier deutschsprachige und fünf italienischsprachige Gruppen.

Ich versuche ohne Demobrett zu unterrichten. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass es den Bedürfnissen der Kinder näher kommt, unmittelbarer ist. Sie arbeiten selbst mit den Steinen. Ein weiterer Vorteil, den ich erkannt habe, besteht darin, dass ich von Anfang an diejenigen Kinder sofort bemerke, welche aus verschiedenen Gründen nicht zuhören oder nicht aktiv dabei sind, sodass ich geeignete Maßnahmen ergreifen kann. Es sind weder disziplinar- Maßnahmen, noch gebe ich Anweisungen noch mache ich sie darauf aufmerksam. Ich stelle mich auf diese Kinder ein, versuche zu verstehen was sie wie bewegt und gehe im Laufe der nächsten Stunden auf diese ein. Alle Kinder zu erreichen kann viele Stunden, ja sogar einige Jahre dauern, aber ich versuche schließlich nicht super Schachspieler aus ihnen zu machen, sondern lediglich die Vorteile des Schachspielens auf das „Verhalten“ der Kinder zu übertragen. Ohne Demobrett zu arbeiten, kann größere Schwierigkeiten verursachen, die Kinder sind es nicht gewohnt so zu arbeiten und es dauert wiederum einige Stunden bis ich einigermaßen gut arbeiten kann.

Ich konnte einen Sponsor überzeugen das Material zu finanzieren, sodass jede Klasse ihre eigenen Schachbretter und Spielfiguren zur Verfügung hat. Es hat sich meistens gezeigt, dass die Einstellung der Klasse und auch des Lehrers besser, ist wenn sie das Material in der Klasse haben und ich es nicht jedes Mal wieder mitnehme. Einige Lehrer benutzen das Schachspiel, um freie Minuten (oder“ tote Zeiten“) zu überbrücken. Auch das kann man mit dem Schachspiel optimal bewerkstelligen zum Vorteil von allen.

Ich betrete die Klasse, werde vorgestellt und stelle mich dann selbst vor. Ich erzähle, was mich betrifft nur die Wahrheit, weder übertreibe ich noch beschönige ich Dinge, da die Kinder im Laufe der Zeit sowieso rauskriegen, wenn ich ihnen etwas vorgemacht hätte. Ich erzähle, dass ich seit ungefähr 30 Jahren spiele und es mir immer noch gefällt. Ich sage, dass das Schachspiel als Königsspiel betrachtet wird, dass schon die Ritter Schachspielen können mussten, dass es eines der ältesten Spiele überhaupt ist und dass die wichtigste Regel beim Schachspielen die Stille ist. Reden während des Spieles ist dasselbe, wie schwindeln und ich frage sie auch warum, ihrer Meinung nach, das so ist. Hier bekomme ich die ersten typischen übernommenen Lehreraussagen, welche die Kinder inzwischen wiedergeben, zu hören. Man kann sich dann nicht konzentrieren oder man versteht nichts, wenn es laut ist oder auch das Gehirn arbeitet nicht richtig usw. Ich bestreite nichts, lasse sie im Recht, aber erkläre, dass der einfachste Grund der ist, dass ich zum Beispiel schlechter spiele wenn ich gestört werde. Ich versuche immer, wenn möglich, in dieser Hinsicht, in der ersten Person zu sprechen, um keine Übertragungen auf die Kindern zu vermitteln. Es bin immer ich der etwas Bestimmtes nicht mag, es bin immer ich, der es gern Ruhig mag wenn ich spiele, ich der irgendwelche Nachteile in bestimmten Situationen hat.  Ich glaube, Verhaltensmuster werden besser angenommen wenn sie erfahren bzw. abgeschaut werden und nicht nur frontal gelehrt werden.

Ich frage die Schüler immer: „Wer schon spielen kann?“, es sind immer welche dabei, dann erkläre ich, dass die ersten Stunden für die „Schachsprache“ reserviert sind, dass es anfangs etwas schwierig, ja sogar langweilig sein kann, aber es wird mit der Zeit interessanter und besser. Auf die Frage ob wir das zusammen schaffen kommt ein überzeugtes „Ja“. Ich frage sie dann ob sie eine Schachgeschichte über das Schachbrett hören wollen und wenn das bejaht wird beginne ich mit der Einführungsgeschichte:

Es ist viel Zeit vergangen, fast 5000 Jahre.  Das mächtige Land Babylon wurde vom unbesiegbaren und weisen Gilgamesch König von Urk regiert. Er wollte ein ganz besonderes Heer aufstellen, welches imstande sein musste, jeden Angreifer in die Flucht zu schlagen. Er sandte seine Boten aus, um im ganzen Land die Nachricht zu verbreiten, dass der König allen Menschen, die ein außergewöhnliches Talent haben, abenteuerlustig sind und ihre Begabungen dem König zur Verfügung stellen, Ruhm und Reichtum verspricht. Es waren 64 wichtige Städte zu verteidigen und der König erfand einen Geheimcode für jede Stadt, welchen er auf eine Holztafel schrieb. Diese Tafel war die Landkarte des Reiches, kein feindlicher Spion hätte diese Tafel je verstehen können.

Danach teile ich die Kinder in Zweiergruppen ein, in der Regel sitzen sie schon Paarweise, frage ob sie bereits Links von rechts unterscheiden können und normalerweise funktioniert das, mit einigen Korrekturen, ganz gut. Die Kinder sitzen nicht gegenüber sondern nebeneinander und teilen sich dann ein Schachbrett. Ich lasse das Kind an der linken Seite ein Schachbrett holen und es mit der ersten Reihe zu sich gewandt aufstellen. Auch hier bedarf es einiger Korrekturen, aber bald liegen alle Bretter richtig. Ich frage die Kinder ob ihnen am Brett was auffällt und nach und nach kommen die Buchstaben und die Zahlen zum Vorschein. Ich frage noch, wo sie so etwas schon gesehen haben und es dauert, bevor die ersten Antworten gegeben werden. Es stellt sich heraus, dass manche das Spiel „Schiffe versenken“ bereits kennen, einige Klassen haben bereits das Koordinatensystem behandelt und einige bereits einen Stadtplan schon kennengelernt haben. Nun erfahren sie von mir was eine Linie und eine Reihe in der Schachsprache bedeutet, wie man die Felder benennt und dass ich diese Begriffe brauche um mich mit ihnen zu verständigen und wir gehen dann zur Praxis über. Das Kind, welches auf der rechten Seite sitzt holt die Steine legt sie in die Brettmitte und beide stellen die Steine außerhalb des Schachbretts auf. Einer ist für die Weißen verantwortlich, der andere für die Schwarzen. Spätestens jetzt wird es lauter und das lasse ich auch zu, manchmal greift der Lehrer ein manchmal erledigt sich das, wenn alle Steine aufgestellt sind. Einige Kinder verstehen nicht gleich wo sie die Steine aufstellen sollen, da sie automatisch so eingestellt sind, dass die Steine auf das Brett gehören. Ich lasse abwechselnd schwarze und weiße Bauern auf bestimmte Felder setzten, danach sollen alle Bauern auf einer bestimmten Linie oder auf einer Reihe aufgestellt werden. Hier zeigt sich, dass einige noch nicht zwischen Linie und Reihe unterscheiden können. Bei manchen Klassen kann noch die Diagonale behandelt werden und das Schachbuch ausgeteilt werden, bei anderen kann ich dieses erst in der zweiten Stunde.

Ausganslage

Gruppendynamik

Ich arbeite mit einem Programm welches ich 2000 entwickelt habe und in den letzten fünf Jahren in der Praxis erproben und anpassen konnte. Das Programm ist sehr flexibel und hat sich auch bei der Ausbildung von Studenten an der Universität für Bildungswissenschaften bewährt. Einige Studenten haben meine Methode in der Praxis ausprobiert und waren  – möglicherweise – erfolgreicher damit als ich selbst. Dies spiegelt sich in den Testergebnissen wieder. (Laureatsarbeit von Valentine Demetz ab Seite 100 das benutzte Programm)

In den letzten fünf Jahren (2007 bis 2012) lehrte ich 24 Grundschulklassen (Kinder im Alter von sieben bis acht Jahre) im Kernunterricht über einen  Zeitraum von mindestens zwei bis vier Jahren. Das bedeutet zwischen 25 und 30 Stunden Schach pro Jahr.

Die Resonanz des Programms war unterschiedlich, dies kommt daher, weil jede Klassengemeinschaft verschieden ist, so findet man in jeder Klasse unterschiedliche Voraussetzungen und Eigenarten. Deshalb werde ich bei der zweiten Auflage dieses Projekts vermehrt den Fokus auf gruppendynamische Faktoren legen und versuchen diese im Unterricht mehr zu berücksichtigen und zu beobachten. Da ich in diesem Bereich keine Fachkompetenz aufzuweisen habe, basieren meine Erkenntnisse lediglich auf meine Beobachtungen während des Unterrichtes. Es kann durchaus vorkommen, dass ich Fachausdrücke nicht korrekt gebrauche. Betrachten sie meine Aussagen als Anregungen, selbst  Beobachtungen anzustellen und zu überprüfen, ob sie zutreffen.

Der Hauptlehrer

 Abhängig vom Hauptlehrer einer Klasse ergeben sich unterschiedliche Gruppendynamiken auf die man eingehen kann und sollte.

Der Lehrer (meistens sind es Lehrerinnen in der Grundschule) ist autoritär und eher leistungsorientiert aber gerecht und hat eine klare eindeutige Linie. Die Tonangebenden Kinder sind meist gute Schüler, erfolgreiche Sportler (im Sinne von gute Körperbeherrschung) und im allgemeinen sehr Zielstrebig und Leistungsorientiert. Ob und wie der Einfluss des Lehrers in dieser Gruppendynamik exakt mitwirkt, konnte ich nicht eindeutig feststellen, dass aber ein gewisser Zusammenhang besteht sehr wohl.  Die Klasse ist aufmerksam  und spricht gut auf das Schachspiel an. Die Kinder sind es gewohnt Anweisungen zu befolgen, sind relativ ruhig und widersprechen sehr selten. In diesen Klassen kann ich mehr Theorie zeigen (Frontalunterricht) und es bleibt etwas mehr hängen. Die Mädchen waren hier nach einigen Jahren in der Spielstärke gleich mit den Buben. Geht der Lehrer aus der Klasse spürt man eine Veränderung in der Disziplin, sie folgen weniger den Anweisungen

Derselbe Lehrer in einer anderen Klasse, welche er aber erst im dritten Schuljahr übernommen hatte. Die tonangebenden Kinder waren hier nicht leicht zu identifizieren, es gab in dieser Klasse mehrere Individualisten mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Die Gruppendynamiken sind hier nicht eindeutig definierbar. Es gibt mehr Widerspruch und es bedarf genauer Kommunikation um eine gewisse Aufmerksamkeit beim Unterricht zu erreichen.  Verlässt der Lehrer diese Klasse wird es etwas lauter aber sie folgen den Anweisungen auch ohne die Anwesenheit des Lehrers. Die Kinder sind etwas unruhig nehmen aber das Schachspiel gut an, weniger Theorie und mehr Spielzeit  sind in solchen Klassen zu empfehlen.  Die Mädchen blieben etwas hinter der Spielstärke der Buben. Jedoch war die Spielstärke der beiden Klassen am Ende gleichwertig.

 Der Lehrer ist demokratisch, geht mehr auf den Einzelnen ein, diskutiert viel, nimmt die Kinder ernst und lässt viel Mitbestimmung zu (diese Lehrer sind eher selten). Die Gruppen „Leitkinder“ sind gute Schüler, gute Sportler, weniger Leistungsorientiert und hinterfragen mehr. Verlässt der Lehrer die Klasse bleibt sie weitgehend unverändert.  Das kann sein weil ich ähnlich handle wie dieser Lehrer, kann aber auch sein, dass die Kinder einfach so sind. Das Schachspiel kommt relativ gut an. Weniger Unterricht und mehr Spiel ist angebracht, aber ich kann den Unterricht etwas tiefer und ausführlicher gestalten. Die Mädchen blieben bis zuletzt etwas hinter den Buben.

Der Lehrer ist autoritär, leistungsorientiert, hat keine klare eindeutige Linie, ist nicht immer gerecht, bevorzugt eindeutig einige Schüler gegenüber anderen und findet gerne einen Sündenbock. Die tonangebenden Kinder sind nicht alle gute Schüler, nur teilweise leistungsorientiert, eher egozentrisch und haben eine hohe Bereitschaft zu gewalttätigen Handeln. Die Klasse nimmt nur teilweise das Schachspiel gut auf, es braucht mehr Zeit um einigen Kindern einen Zugang zum Spiel zu verschaffen und die Wirkung ist geringer. Sehr wenig Theorie, viel Spielzeit und mehr individuelle Unterweisungen sind angebracht. Z.B. wenn sich im Spiel eine Stellung ergibt die einem Thema zugeordnet werden kann welches im Programm vorgesehen ist, kann es nach dem Spiel behandelt werden. Die Mädchen sind am Ende eher stärker als die Buben.

Die Lehrerin ist sehr umsorgend, ja fast schon als mütterlich zu bezeichnen, jedes Kind ist wie ein Eigenes, sie liebt sie alle, ist einfühlsam, nimmt sie alle ernst und ihre Linie passt sich der jeweiligen Situation gut an. Hier sind die tonangebenden Kinder  bis zum Schluss meines Lehrens nicht klar zu benennen , sie sind eher ruhig und hilfsbereit, gut in der Schule, weniger Leistungsorientiert, eher musikalisch als sportlich begabt. Die Klasse ist ruhig und hat das Schachspiel besonders gut aufgenommen. Geht der Lehrer aus der Klasse wird es zwar etwas lauter aber die Kinder folgen den Anweisungen in gleicher Weise.  Alle in Frage kommenden tonangebenden Kinder waren vom Schachspiel begeistert. Die Wirkung des Schachspiels war hier besonders stark. Etwas mehr Theorie wird vertragen, es kann auch mehr Tiefe sein und viel Spiel wie üblich.

Problematisch wird es, wenn es in Klassen häufig zu einem Lehrerwechsel kommt , da sich die Schüler jährlich oder zum Teil halbjährlich auf eine neue Autoritätsperson einstellen müssen. In diesen Klassen hatte ich große Schwierigkeiten zu lehren und es bedarf großer Flexibilität und Fantasie, um das Interesse der Schüler zu wecken. Es gab mehr Konflikte um die Leitrollen, so könnte ich es fast als „Kampf“ zwischen guten Schülern und sportlichen Schülern beschreiben.    Die Kinder sind meist orientierungslos und unsicher, hinzu kommt noch, dass viele und große Unterschiede in der geistigen Entwicklung zwischen ihnen vorhanden sind. Auch beim Schachspielen sind die Unterschiede weit gestreut. Das Schachspiel wird relativ gut aufgenommen aber es braucht mehr Zeit als üblich um die gesamte Klasse zu erreichen. Es scheint fast notwendig, Anweisungen an jeden Einzelnen gesondert zu geben. Die Aufmerksamkeit der Schüler war mangelhaft und der Lärmpegel in der Klasse war sehr hoch. Verlässt der Lehrer die Klasse, war es kaum möglich die Klasse zu  unterrichten, da mir die meisten Schüler keine Aufmerksamkeit mehr schenkten. Auch während des Spielens waren sie unkonzentriert. In Klassen, wo es so schwierig ist zu lehren, wäre es umso wichtiger die Theorie zu dezimieren und das Schachspiel als solches wirken zu lassen

Welchen Vorteil könnte es haben auf Gruppendynamiken zu achten?

 Das Gruppenleben ist eine wichtige Realität und es kann dem Lehrer möglich sein, durch besondere Arten von Erfahrung in der Arbeit mit Gruppen leistungsfähiger zu werden. Man kann unterscheiden zwischen der oberflächlichen Erscheinung von Gruppen und dem verborgenen Leben der Gruppe, das oft gar nicht zutage tritt, aber dennoch höchst wichtig ist. Mit anderen Worten kann es den Anschein haben, eine Gruppe arbeitet sehr gut, ordentlich, ruhig und tue, was man von ihr erwartet. Nur geschieht in Wirklichkeit gar nichts, nichts ändert sich, nichts wird gelernt. Eine gesunde Gruppe, eine Klasse, in der die Schüler arbeiten und lernen, sieht möglicherweise für einen Außenseiter nicht immer produktiv aus.

 Auch Individualität in der Gruppe soll berücksichtigt werden

 Bei den Schülern gibt es zwar eine gemeinsame Grundlage von Wissen und Ideen, aber sie lernen verschieden, je nach Fähigkeiten, ihren Bedürfnissen und ihrer Erfahrung. Jeder Schüler hat ein Bezugssystem und ein Wissensgebäude, das es mit anderen teilt, ebenso aber auch seinen einzigartigen Wissenszusammenhang und seine einzigartige Lernleistung. Wenn in der Gruppe die Stimmen der Einzelnen nicht zugelassen werden, kann die Klasse das Potential für Veränderungen und neue Ideen verlieren. Schon geringfügige Vorfälle zu Beginn der Arbeit mit einer Gruppe können dazu beitragen, anzuzeigen ob es ungefährlich und akzeptabel ist originelle Fragen oder abweichende Ideen auszudrücken. Davon hängt später auch ab ob sie noch Fragen stellen oder einfach still bleiben und den Unterricht über sich ergehen lassen.

Ausgangslage

Motivation

Wenn ich zum ersten Mal in die Klasse komme freuen sich die Kinder auf das Schachspiel, sind neugierig und motiviert. Schon durch die Anstrengung die das Spiel abverlangt vermindert sich im Laufe der Stunden, nach und nach, bei vielen Kindern diese Ausgangslage. Was dann bleibt ist etwas Neugierde und die Bereitschaft abzuwarten, ob das was ich ihnen sage auch das ist wie ich handeln würde und einen Reiz gegenüber dem Schachspiel. Meiner Erfahrung nach ist es gerade dieser Reiz, welcher bei überreizten Kindern, ein Gegenpol zur Überreizung ist und diesen Kindern etwas Ruhe vermittelt.

Ich erkläre in der ersten Stunde, dass der Anfang schwer und eventuell auch etwas langweilig sein kann, aber je länger wir spielen desto interessanter wird es. Meine Einstellung ist nicht die Unterhaltung mit Schach anzubieten, sondern Freude am Erforschen und Erreichen der eigenen Ziele, jedes Kindes, durch das Schachspiel.  Nicht „Kind gerechte“, „vorgekaute Suppe“ soll angeboten werden sondern das Schach wie es ist, mit all seinen Schwierigkeiten und Komplikationen. Kinder sind sehr wohl in der Lage mit Schwierigkeiten umzugehen und genau diesen Umstand will ich erhalten. Meine Devise ist, den konstruktiven Umgang mit Schwierigkeiten beizubehalten und zu. Offensichtlich kann ich keine standardisierten Leistungen der Kinder erwarten, sondern muss unbedingt, so weit wie möglich, die Eigenschaften und Bereitschaften jedes Kindes berücksichtigen. Dies macht eine gerechte Bewertung der Spielstärke oder Kompetenz sehr schwierig und deshalb bewerte ich die Kinder nicht.

Ich nütze die anfänglich hohe Motivation und das Interesse um zuerst etwas an Schachsprache zu übermitteln wie z.B. Feldnamen, Reihen und Linien usw. Danach beginne ich mit den „schwierigeren“ Steinen wie Springer und Bauer um dann mit den leichteren fortzufahren, nachdem die Motivation gesunken ist. Ich glaube, dass ich auf diese Weise ein gewisses Interesse und aktive Mitarbeit bei der größtmöglichen Anzahl der Kinder erhalte. Jetzt kann ich nur noch abwarten bis das Schachspiel den Rest erledigt.

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Welche Art von Schach ich in den Schulen anbiete.

 

Ich möchte zunächst daran erinnern, dass wir hier ausschließlich über Schule und nicht von Verein sprechen werden. Im Verein bin ich gezwungen ein paar Kompromisse einzugehen, die ich meist  in der Schule  nicht eingehen muss.

Ich beginne den  „Schachkurs“ in den zweiten Klassen, die Kinder sind in der Regel  zwischen 7 und 8 Jahren alt.

Ich betrachte das Schachspiel, für ganze Schulklassen, als ein Spiel welches für und aus sich selbst spricht.

Schach ohne Leistung, ohne Erwartung, ohne Erziehung, ohne Motivation  – Manipulationstechniken und ohne Rechtfertigung. Einfach nur Schachspielen.

Das Schachspielen erfordert bereits eine hohe  Leistung von den Kindern und ich finde es nicht notwendig noch zusätzliche Leistung, wie z.B. Spielstärke und deren Bewertung  zu erzwingen.

Außerdem gibt es sicherlich auch Kinder die für sich eine zusätzliche Leistung erbringen wollen und es wäre unangebracht dies noch zu verstärken und aus einem „sich messen wollen“ einen Wettkampf zu machen.

Schachspielen ohne Erwartungen an die Kinder und für mich selbst. Ich erwarte mir weder unmittelbaren Auswirkungen des Schachspiels auf die Kinder, noch eine schachliche Kompetenz von ihnen. Ich weiß bereits welche Auswirkungen das Spiel  langfristig auf sie hat, ich hatte 5 Jahre Zeit dies im Kernunterricht zu erfahren.

Hinzu kommt, dass Erwartungen, ob sie sich erfüllen oder nicht, mein Handeln beeinflussen können und das ist nicht immer im Sinne der Kinder. Es ist nicht leicht keine Erwartungen zu hegen, aber ich werde es zumindest versuchen.

Schach lehren ohne den Versuch zu erziehen:  Ohne den Kindern eine Erwachsenen Ansicht, das wie, was, und wann aufzwingen zu wollen. Das Schachspiel anbieten, ohne Theoretische „Tipps“,  und beobachten was geschieht. Wichtig finde ich, dass jedes Kind aus dem Schachspiel, das mitnimmt was ihm nützlich sein kann, sei es seine eigene Strategie, Beobachtungen oder die reine Faszination am Bewegen der Figuren und der Veränderung die diese mit sich zieht.

Ich setze bewusst Motivation und Manipulation  auf derselben Ebene, da in der Praxis die Grenzen zwischen den Beiden sehr verschwommen sind, um es milde auszudrücken. Echte Motivation kommt von innen, vom Seelenzustand und individuellen Erfahrungen des Menschen, und lässt sich nur durch Erleben bzw. Erfahren steigern. Motivation oder Manipulation dieses natürlichen Antriebs erweist sich, im Nachhinein, meist als Bumerang. Sobald diese „motivierenden“ Maßnahmen wegfallen, und das tun sie im Laufe der Zeit, nimmt auch die aufmerksame Teilnahme der Kinder ab.

Außerdem genügt schon  der Umstand, dass das Schachspielen besser als die meisten Schulfächer ankommt, um zum mitspielen, genügend Motivation aufzubringen. Alles was nicht direkt mit dem Spielen zu tun hat ist Überflüssig und gehört nicht in die Schule, denn es lenkt nur ab und gibt der Sache einen anderen Geschmack, eine andere Richtung.

Ich rechtfertige nicht den Grund warum wir hier in der Klasse Schachspielen an Stelle des Unterrichts.

Ich teile das auch den Lehrern mit damit sie sich diesbezüglich zurückhalten, denn ich möchte die Möglichkeit haben, zu einem späteren Zeitpunkt, zu erfahren was das Schachspiel für die Kinder bedeutet. Dies ohne Beeinflussung von Seiten der Erwachsenen.