Über – und Unterforderung

ueberunterBei einem Gespräch mit einer Lehrerin diskutierten wir über begabtere Kinder und wie sie eventuell zu fordern sind. Ich erzähle ihr von einzelnen begabten Kindern, die mindestens eine Stufe höher in der Spielstärke lagen, wo ich versucht hatte ihnen zusätzliche schwierigere, mehr herausfordernde Aufgaben zu übertragen, in Form von Diagrammen, welche zu lösen waren.  Möglicherweise lag es am Gerechtigkeitsverständnis der Kinder, aber diese Zusatzübungen wurden nicht als „Belohnung“ oder etwa positiv aufgenommen. Im Gegenteil wurden diese Übungen eher als Strafe angesehen. Was soll man dann auf die Frage: „Warum muss ich mehr als die anderen machen?“ antworten. Ich kann schlecht sagen: „Weil du besser bist als die anderen“ das Kind würde das so aufnehmen: „Warum bestrafst du mich dann mit mehr Arbeit?“ Eine Belohnung würde die Möglichkeit sein, sobald er das normale Pensum an Übungen absolviert hat, früher zum Spielen zu kommen.  Die Lehrerin stimmt mir einerseits zu andererseits erzählt sie mir das sie eine Klasse hatte wo vier Kinder sehr wohl, in Mathematik, diese Zusatzübungen wollten und sogar danach verlangten. Jeder von ihnen wollte besser als die anderen sein.?!  Leider ist das nicht die Qualität des bewussten und freiwilligen Übens, welches notwendig wäre. Die Kinder sind manipuliert worden um sich gegenseitig auszustechen und nur deshalb wollen sie zusätzlich üben, nicht für das Können an sich und für sich sondern „gegen“ andere. Ein anschauliches Beispiel dafür finden wir im Film „Ein Meister wird geboren“ wo das Kind Josh Waitzkin einen zusammenarbeitenden, freundschaftlichen Zugang zum Schachspiel hat. Sein Trainer, weiß dass er diese freundschaftliche Einstellung des Kindes zerstören muss, um aus ihm einen Sieger zu machen und an ihrer Stelle den Kampf gegen einen Feind zu stellen. Eine Tatsache, welche für einen Trainer nachvollziehbar sein kann, aber als Elternteil möchte ich dies nicht. Auch nicht als Schachlehrer in der Schule. Auch wenn unsere Kultur eher auf Wettbewerb aus ist, bleibt die Tatsache dass der Mensch ein soziales Wesen ist bestehen und Zusammenarbeit möglicherweise größere Erfolge erzielt als Wettbewerb.

Wie soll man also  Fordern ohne zu Überfordern oder eventuell auch unterfordern?  Für mich lautet die Antwort für beides:  einfach spielen. Niemand wird dadurch überfordert noch unterfordert im Spiel. Das kann paradox klingen, ist es aber nicht.

Wenn ich mir die Fide-Programme ansehe, aber auch viele andere, sind diese nicht viel besser in dieser Perspektive, so kann ich mit Bestimmtheit sagen: fast alle Schüler einer Klasse sind überfordert und verlieren das Interesse und die entscheidende Mitarbeit. Ich bin mir nicht sicher ob es viele Kinder gibt, welche sowas möchten. Ich würde die Klasse verlieren um mögliche, seltene Talente zu unterstützen, das kann nicht der Sinn vom Schulschach sein. Nur weil es „vielleicht möglich ist“ heißt das noch lange nicht, dass wir es auch tun sollten.

Auf der anderen Seite könnte man meinen, dass begabte Kinder unterfordert wären, wenn sie sich am Niveau der Klasse orientieren müssen. Möglicherweise sind sie es auch, aber zum einen meine ich können sie sich, in diese Phase, aus dem Spiel heraus genügend Herausforderungen herausnehmen um sich weiter zu entwickeln. In der Schule wollen sie nicht auffällig sein und das ist meiner Meinung auch richtig so. Wenn die Zeit da sein sollte, muss das begabte Kind den Weg zum Verein finden. Mit zunehmendem Alter wird es eventuell auch möglich sein ihm andere Übungen zu geben.

Jedes Kind in einer Klasse hat verschiedene Bedürfnisse und einen unterschiedlichen Verständnisgrad des Schachspiels und ein halbwegs normaler Schachlehrer kann das Einigermasen beobachten und

könnte auch dementsprechend individuell reagieren. Dies kann sicher im Einzelunterricht berücksichtig werden und auf jedes Kind individuell eigegangen werden. Somit wird es optimal gefördert. In einer Gruppe mit so vielen Unterschieden ist individuelle Betreuung selten möglich. Zumindest nicht in dem Maße wie es notwendig wäre. Was könnte man also tun? Zu einfache Übungen sind langweilig und bringen eher Nachteile, zu schwierige sind genauso langweilig und bringen ebensolche Nachteile. Egal welche Art von Übungen wir vorschlagen, für einen Teil der Klasse sind sie zu einfach und für einen Teil der Klasse sind sie zu schwierig.  Ich denke einen gemeinsamen Nenner zu finden ist schwierig, objektiv betrachtet, so ziemlich unmöglich. Es geht hier nicht darum, die „richtige“ Methodik zu finden um Themen zu erklären, sondern um das Üben oder besser gesagt um das vertiefen des Stoffs. Dieses Vertiefen kann im Allgemeinen als Förderung gelten, leider ist dieses Unterfangen für die Kinder nicht interessant, sie finden es nicht nützlich. Kinder denken nun mal nicht wie Erwachsene und das hat auch seinen Sinn.

Was kann ich also tun um sie zu fordern? Wo liegt der gemeinsame Nenner in der Gruppe? Der einzige, freiwillige gemeinsame Nenner der Kinder ist das Spiel (natürlich gibt es auch hier Ausnahmen). Alle wollen so viel wie möglich spielen, ist das nicht Forderung genug? Ist das nicht Vertiefung genug? So lange zu spielen bis immer mehr Kinder mehr verstehen, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die meisten Kinder „nur“ eine Stunde pro Woche in der Schule spielen. Nach vier Jahren Schach in der Schule haben die Kinder ca. 100 Stunden gespielt, die Theorie noch abzuziehen, eine Zeit die ein Vereinsspieler in einem Jahr absolviert. Dieser Umstand muss auch noch berücksichtigt werden, wenn wir über Forderung in der Schule sprechen. Abgesehen vom Umstand, dass die Kinder immer noch am ehesten von Ihresgleichen Belehrungen akzeptieren.

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