Wieviel Chaos erträgt ein (Schach)Lehrer

Vor einiger Zeit schrieb ich über  die Aufmerksamkeit und Ruhe in den betreuten Schulklassen 2012/2013 hier

Möglicherweise werden, zumindest im Schachunterricht, Disziplin und Ordnung erheblich überschätzt. Es sieht zumindest für mich so aus. Nach 15 Schachstunden im Kernunterricht sind in den neun Unterrichtsklassen keine nennenswerten Unterschiede beim Spiel oder Regelverhalten der Spielkompetenz zu beobachten.  Ich habe gesehen, dass es zwischen über– und unterdurchschnittliche Klassen bezüglich „Richtigkeit“ des Spielens kaum nennenswerte Unterschiede gibt.  Der Unterschied in der Aufmerksamkeit und in der  Ruhe in den Klassen ist immer noch groß und man möchte meinen, dass sich diese Tatsache auch auf die Schachkompetenz, in ähnlicher Form, auswirken sollte. Dem ist aber nicht so.

Einige Prämissen muss ich hier erwähnen, zum einen hören die Kinder ungefähr 50% von dem was der Lehrer sagt wahrscheinlich merken sie sich nur 10% von dem was sie hören. Ein Lehrer redet scheinbar, durchschnittlich, 70 bis 80 % der Schulstunde.

Ich versuche das nicht zu tun, soweit wie möglich, und setze eher auf praktische Maßnahmen.  Zu Beginn des Schachunterrichts kann man, so scheint es, nicht verhindern viel zu reden. Es müssen ja die Regeln, zu den Bewegungen der Figuren, vermittelt werden und es scheint so als ob man einige Zeit reden muss. In Klassen, welche aufmerksam sind und während des Unterrichts eher Ruhig sind, lässt man sich verleiten und redet etwas mehr als in „schwierigeren Klassen“.  Anscheinend hat diese Tatsache, wenn wir das Zuhören der Kinder berücksichtigen, keinen großen Nutzen in der Steigerung der Spielkompetenz. Für die Kinder bedeutet das eher eine Zeit die sich auf Kosten der Spielzeit auswirkt und das mögen sie nicht gerne. Je mehr Stunden  Schachunterricht sie hinter sich haben, desto weniger mögen sie den Unterricht. Auch wenn sie noch nicht alle Figuren und deren Bewegungen kennen, wollen die meisten mit allen Figuren spielen und das „Gerede“ des Schachlehrers wird gezwungenermaßen, bis zu einem gewissen Punkt, ausgehalten. Dazu kommt, dass die wenigsten aufmerksam dabei sind, auch wenn in der Klasse absolute Stille herrscht. Der Schein trügt meistens. In unkonzentrierten schwierigeren Klassen bin ich gezwungen die Kinder mehr „sich selbst zu überlassen“ und wo nötig individuell Hilfestellung zu leisten. Auch wenn dieses „sich selbst überlassen“ nicht besonders positiv klingt, hat es sich doch als nützlich erwiesen. Sie lernen anscheinend nicht schlechter als die Klassen mit mehr Disziplin und mehr Unterricht. Nach dem Vorschlag einiger Autoren welche vorschlagen: „den Kindern einige wenige Grundregeln zu vermitteln und sich dann zurückziehen, beobachten und auf Fragen die gestellt werden gezielt antworten. Keine Einmischung mehr, zumindest eine Zeit lang, bis wir eine genügend starke Basis erreicht haben auf der alle Kinder einer Klasse aufbauen können.“ Das sollte mehr „Kind gerecht“ sein, bzw. mehr ihren Bedürfnissen und ihre Art zu lernen, entsprechen.

Am Ende ist der Unterschied zwischen allen neun Klassen so gering, mit einer Ausnahme wo zu viele Kinder „Schwierigkeiten“  oder ein Gutachten haben, dass  die Unterschiede kaum der Rede wert sind. Meiner Meinung nach liegen viele Erwachsenen falsch wenn sie meinen, dass: „Die Kinder wissen nicht was gut für sie ist“. Ich glaube sie wissen sehr wohl was sie wollen und was sie bereit sind auf sich zu nehmen um in einen gewissen Bereich aktiv dabei zu sein. Wir dürfen nicht vergessen, dass nicht alle Kinder gerne Schach spielen, eher sind das die Ausnahmefälle, für viele ist das Schachspielen im Unterricht besser als ein Schulfach. Für viele Kinder ist das Schachspiel aber auch anstrengend, das müssen wir auch berücksichtigen, unabhängig von den verschiedenen Erfolgsberichten, die gerne etwas übertrieben, oder zumindest einseitig (nicht ganz objektiv) dargestellt werden. Wenn ich in einer Klasse, nach ca. 15 Stunden Schach im Unterricht, nachfrage ob jemand eine Einladung zum Probespielen im Verein haben möchte, aber nur diejenigen welche auch Zuhause gerne spielen und nicht nur in der Schule weil es hier angenehmer ist als Mathe, so wollen zwischen 80 und 90% diese Einladung haben. Das klingt zwar super, aber in der Regel ist es so, dass wenn die ersten, die Begeisterten (Ausnahmen) die Hand aufhalten so entsteht ein Nachahmungseffekt und alle wollen sie eine Einladung haben, unabhängig davon ob sie Zeit haben oder wirklich gerne spielen möchten. Der Schein ist: Alle wollen im Verein spielen. Die Wirklichkeit: In der Regel sind es zwischen 10 und 30% welche mehr Schachspielen wollen.

Ich behandle normalerweise eine Spielfigur pro Stunde. Bei Springer, Bauer und König etwas mehr.  Ich bin inzwischen zur Überzeugung gelangt den Kindern mehr Mitspracherechte zu überlassen und ihnen die Möglichkeit gebe alle Steine in einer Stunde kurz zu behandeln und dann können sie die nächsten 10 bis 15 Stunden einfach nur spielen. Mit Kindern, welche mehr über die Figuren wissen wollen, bevor sie mit ihnen spielen, kann ich, während die anderen Kinder spielen, auch mein normales Programm absolvieren, oder was immer sie möchten. Zumindest kann ich so die Anliegen der Kinder besser behandeln und in der Spielkompetenz ändert sich sowieso wenig, vielleicht funktioniert es sogar besser. Eventuell reichen ein oder zwei Poster (oder einzelne Blätter) in der Klasse aus, damit sie von Anfang auf irgend einer Weise spielen können. Es ist zu diesem Zeitpunkt nicht wichtig wie genau oder korrekt sie spielen, sie lernen es mit Sicherheit in kurzer Zeit. Wenn sie etwas wissen wollen, dann fragen sie und wir müssen genau auf ihre Fragen eingehen und Antworten. Ansonsten sollten wir uns nur in Ausnahmesituationen einmischen, und sparsam damit umgehen. Die größten Lernerfolge erzielen die Kinder, zumindest beim Schach, voneinander. Was sie von Gleichaltrigen erfahren haben hat oft einen größeren Wert oder Glaubwürdigkeit als das, was Erwachsene ihnen beibringen wollen (in der Regel mit Hintergedanken). Zumindest hören sie mit mehr Interesse zu.

Das Problem mit der Schule, und das Kulturübergreifend, ist, dass sie ein Programm sehen will und auch erwartet, dass wir uns daran halten. Das Chaos, welches entsteht wenn wir demokratisch vorgehen wird von den meisten Lehrern eher als eine Inkompetenz des Schachlehrers betrachtet. Aus ihrer Sicht wird den Kindern wenig und schlecht beigebracht. Alle diese modernen Methoden die den Lehrern  beigebracht werden, die den Kindern ein Verständnis erleichtern, vermissen sie. Sie würden sich gerne einmischen und uns helfen es „besser“ zu machen. Eine zusätzliche Schwierigkeit liegt in der Beobachtung, seitens des Schachlehrers, der Kinder. Wenn ich mich nur dann einmische wenn ich gefragt werde – was für die Kinder  eine tolle Sache ist, diese Freiheit zu genießen ohne Anweisungen zu befolgen – sehen das die Lehrer so, als ob ich nicht handeln würde. Ich tue „Nichts“. Meine Anwesenheit ist nutzlos, die Kinder lernen nichts greifbares, folglich ist der „Schachkurs“ nutzlos und wird abgeschafft. Dies ist, abgesehen von den Kindern, für mich schlecht. Würde ich mein Programm, welches relativ einfach ist, knallhart durchziehen und  fast jede Stunde  ein neues Thema bringen, möglicherweise auch noch mit „Spezialeffekte“ dann währe das eine supertolle Sache. Aus der Sicht der Schule! Für die Kinder möglicherweise kontraproduktiv.

Es gibt aber auch Lehrer die es mehr gewohnt sind im Chaos (Unruhige Klassen) zu wandern und hier kann ich getrost die Kinder mehr sich selbst überlassen. Es kann die Rechtfertigung gelten „Es ist halt eine schwierigere Klasse“ ohne auf Schwierigkeiten von Seite der Schule zu stoßen. Es gibt auch Schulen wo der/die Direktor/in durch die Korridore wandert und horcht ob es in den Klassen laut ist und dann reingeht und Schimpft.

 Im Montessori Schulsystem treffe ich sowieso auf mehr Verständnis für die „demokratische“ Methode, hier ist die Freiheit etwas wichtiger als das Programm.

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