Ausganslage

Gruppendynamik

Ich arbeite mit einem Programm welches ich 2000 entwickelt habe und in den letzten fünf Jahren in der Praxis erproben und anpassen konnte. Das Programm ist sehr flexibel und hat sich auch bei der Ausbildung von Studenten an der Universität für Bildungswissenschaften bewährt. Einige Studenten haben meine Methode in der Praxis ausprobiert und waren  – möglicherweise – erfolgreicher damit als ich selbst. Dies spiegelt sich in den Testergebnissen wieder. (Laureatsarbeit von Valentine Demetz ab Seite 100 das benutzte Programm)

In den letzten fünf Jahren (2007 bis 2012) lehrte ich 24 Grundschulklassen (Kinder im Alter von sieben bis acht Jahre) im Kernunterricht über einen  Zeitraum von mindestens zwei bis vier Jahren. Das bedeutet zwischen 25 und 30 Stunden Schach pro Jahr.

Die Resonanz des Programms war unterschiedlich, dies kommt daher, weil jede Klassengemeinschaft verschieden ist, so findet man in jeder Klasse unterschiedliche Voraussetzungen und Eigenarten. Deshalb werde ich bei der zweiten Auflage dieses Projekts vermehrt den Fokus auf gruppendynamische Faktoren legen und versuchen diese im Unterricht mehr zu berücksichtigen und zu beobachten. Da ich in diesem Bereich keine Fachkompetenz aufzuweisen habe, basieren meine Erkenntnisse lediglich auf meine Beobachtungen während des Unterrichtes. Es kann durchaus vorkommen, dass ich Fachausdrücke nicht korrekt gebrauche. Betrachten sie meine Aussagen als Anregungen, selbst  Beobachtungen anzustellen und zu überprüfen, ob sie zutreffen.

Der Hauptlehrer

 Abhängig vom Hauptlehrer einer Klasse ergeben sich unterschiedliche Gruppendynamiken auf die man eingehen kann und sollte.

Der Lehrer (meistens sind es Lehrerinnen in der Grundschule) ist autoritär und eher leistungsorientiert aber gerecht und hat eine klare eindeutige Linie. Die Tonangebenden Kinder sind meist gute Schüler, erfolgreiche Sportler (im Sinne von gute Körperbeherrschung) und im allgemeinen sehr Zielstrebig und Leistungsorientiert. Ob und wie der Einfluss des Lehrers in dieser Gruppendynamik exakt mitwirkt, konnte ich nicht eindeutig feststellen, dass aber ein gewisser Zusammenhang besteht sehr wohl.  Die Klasse ist aufmerksam  und spricht gut auf das Schachspiel an. Die Kinder sind es gewohnt Anweisungen zu befolgen, sind relativ ruhig und widersprechen sehr selten. In diesen Klassen kann ich mehr Theorie zeigen (Frontalunterricht) und es bleibt etwas mehr hängen. Die Mädchen waren hier nach einigen Jahren in der Spielstärke gleich mit den Buben. Geht der Lehrer aus der Klasse spürt man eine Veränderung in der Disziplin, sie folgen weniger den Anweisungen

Derselbe Lehrer in einer anderen Klasse, welche er aber erst im dritten Schuljahr übernommen hatte. Die tonangebenden Kinder waren hier nicht leicht zu identifizieren, es gab in dieser Klasse mehrere Individualisten mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Die Gruppendynamiken sind hier nicht eindeutig definierbar. Es gibt mehr Widerspruch und es bedarf genauer Kommunikation um eine gewisse Aufmerksamkeit beim Unterricht zu erreichen.  Verlässt der Lehrer diese Klasse wird es etwas lauter aber sie folgen den Anweisungen auch ohne die Anwesenheit des Lehrers. Die Kinder sind etwas unruhig nehmen aber das Schachspiel gut an, weniger Theorie und mehr Spielzeit  sind in solchen Klassen zu empfehlen.  Die Mädchen blieben etwas hinter der Spielstärke der Buben. Jedoch war die Spielstärke der beiden Klassen am Ende gleichwertig.

 Der Lehrer ist demokratisch, geht mehr auf den Einzelnen ein, diskutiert viel, nimmt die Kinder ernst und lässt viel Mitbestimmung zu (diese Lehrer sind eher selten). Die Gruppen „Leitkinder“ sind gute Schüler, gute Sportler, weniger Leistungsorientiert und hinterfragen mehr. Verlässt der Lehrer die Klasse bleibt sie weitgehend unverändert.  Das kann sein weil ich ähnlich handle wie dieser Lehrer, kann aber auch sein, dass die Kinder einfach so sind. Das Schachspiel kommt relativ gut an. Weniger Unterricht und mehr Spiel ist angebracht, aber ich kann den Unterricht etwas tiefer und ausführlicher gestalten. Die Mädchen blieben bis zuletzt etwas hinter den Buben.

Der Lehrer ist autoritär, leistungsorientiert, hat keine klare eindeutige Linie, ist nicht immer gerecht, bevorzugt eindeutig einige Schüler gegenüber anderen und findet gerne einen Sündenbock. Die tonangebenden Kinder sind nicht alle gute Schüler, nur teilweise leistungsorientiert, eher egozentrisch und haben eine hohe Bereitschaft zu gewalttätigen Handeln. Die Klasse nimmt nur teilweise das Schachspiel gut auf, es braucht mehr Zeit um einigen Kindern einen Zugang zum Spiel zu verschaffen und die Wirkung ist geringer. Sehr wenig Theorie, viel Spielzeit und mehr individuelle Unterweisungen sind angebracht. Z.B. wenn sich im Spiel eine Stellung ergibt die einem Thema zugeordnet werden kann welches im Programm vorgesehen ist, kann es nach dem Spiel behandelt werden. Die Mädchen sind am Ende eher stärker als die Buben.

Die Lehrerin ist sehr umsorgend, ja fast schon als mütterlich zu bezeichnen, jedes Kind ist wie ein Eigenes, sie liebt sie alle, ist einfühlsam, nimmt sie alle ernst und ihre Linie passt sich der jeweiligen Situation gut an. Hier sind die tonangebenden Kinder  bis zum Schluss meines Lehrens nicht klar zu benennen , sie sind eher ruhig und hilfsbereit, gut in der Schule, weniger Leistungsorientiert, eher musikalisch als sportlich begabt. Die Klasse ist ruhig und hat das Schachspiel besonders gut aufgenommen. Geht der Lehrer aus der Klasse wird es zwar etwas lauter aber die Kinder folgen den Anweisungen in gleicher Weise.  Alle in Frage kommenden tonangebenden Kinder waren vom Schachspiel begeistert. Die Wirkung des Schachspiels war hier besonders stark. Etwas mehr Theorie wird vertragen, es kann auch mehr Tiefe sein und viel Spiel wie üblich.

Problematisch wird es, wenn es in Klassen häufig zu einem Lehrerwechsel kommt , da sich die Schüler jährlich oder zum Teil halbjährlich auf eine neue Autoritätsperson einstellen müssen. In diesen Klassen hatte ich große Schwierigkeiten zu lehren und es bedarf großer Flexibilität und Fantasie, um das Interesse der Schüler zu wecken. Es gab mehr Konflikte um die Leitrollen, so könnte ich es fast als „Kampf“ zwischen guten Schülern und sportlichen Schülern beschreiben.    Die Kinder sind meist orientierungslos und unsicher, hinzu kommt noch, dass viele und große Unterschiede in der geistigen Entwicklung zwischen ihnen vorhanden sind. Auch beim Schachspielen sind die Unterschiede weit gestreut. Das Schachspiel wird relativ gut aufgenommen aber es braucht mehr Zeit als üblich um die gesamte Klasse zu erreichen. Es scheint fast notwendig, Anweisungen an jeden Einzelnen gesondert zu geben. Die Aufmerksamkeit der Schüler war mangelhaft und der Lärmpegel in der Klasse war sehr hoch. Verlässt der Lehrer die Klasse, war es kaum möglich die Klasse zu  unterrichten, da mir die meisten Schüler keine Aufmerksamkeit mehr schenkten. Auch während des Spielens waren sie unkonzentriert. In Klassen, wo es so schwierig ist zu lehren, wäre es umso wichtiger die Theorie zu dezimieren und das Schachspiel als solches wirken zu lassen

Welchen Vorteil könnte es haben auf Gruppendynamiken zu achten?

 Das Gruppenleben ist eine wichtige Realität und es kann dem Lehrer möglich sein, durch besondere Arten von Erfahrung in der Arbeit mit Gruppen leistungsfähiger zu werden. Man kann unterscheiden zwischen der oberflächlichen Erscheinung von Gruppen und dem verborgenen Leben der Gruppe, das oft gar nicht zutage tritt, aber dennoch höchst wichtig ist. Mit anderen Worten kann es den Anschein haben, eine Gruppe arbeitet sehr gut, ordentlich, ruhig und tue, was man von ihr erwartet. Nur geschieht in Wirklichkeit gar nichts, nichts ändert sich, nichts wird gelernt. Eine gesunde Gruppe, eine Klasse, in der die Schüler arbeiten und lernen, sieht möglicherweise für einen Außenseiter nicht immer produktiv aus.

 Auch Individualität in der Gruppe soll berücksichtigt werden

 Bei den Schülern gibt es zwar eine gemeinsame Grundlage von Wissen und Ideen, aber sie lernen verschieden, je nach Fähigkeiten, ihren Bedürfnissen und ihrer Erfahrung. Jeder Schüler hat ein Bezugssystem und ein Wissensgebäude, das es mit anderen teilt, ebenso aber auch seinen einzigartigen Wissenszusammenhang und seine einzigartige Lernleistung. Wenn in der Gruppe die Stimmen der Einzelnen nicht zugelassen werden, kann die Klasse das Potential für Veränderungen und neue Ideen verlieren. Schon geringfügige Vorfälle zu Beginn der Arbeit mit einer Gruppe können dazu beitragen, anzuzeigen ob es ungefährlich und akzeptabel ist originelle Fragen oder abweichende Ideen auszudrücken. Davon hängt später auch ab ob sie noch Fragen stellen oder einfach still bleiben und den Unterricht über sich ergehen lassen.

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